Geschichten im Vorbeigehen – Vanessa

Es ist ein Tag im August, einer der wenigen schönen Tage in diesem August, der einfach nicht sommerlich sein möchte. Anstelle von lauen Sommerabenden und gleißendem Sonnenlicht am Tag reihen sich graue, wechselhafte Perioden aneinander, erfüllt von Schwüle, Regenschauern und gedrückter Stimmung.

An diesem Tag, nachdem es vormittags zuerst regnete, lichten sich die Wolken und der Nachmittag soll laut Wettervorhersage (aber was soll das schon heißen) sonnig bleiben.
Ein kurzer Spaziergang durch eines der wohlhabenderen Viertel dieser Stadt führt vorbei an Altbauten, Grünstreifen, kleinen Eckkneipen und an Alleen erinnernde, mit Bäumen gesäumten Straßen. Hier wohnen Familien, wenn sie es sich leisten können. Wenn die Eltern gute Jobs und nicht zu viele Kinder haben. Der katholische Kindergarten gegenüber der mit Kletterpflanzen bewachsenen Mehrfamilienhäusern wirkt fröhlich, bunt und einladend. Hier fahren die Autos langsam und hier gibt es keine Obdachlosen. Es ist ruhig hier. Hier kann man gut leben.
Nach ein paar hundert Metern kann man den Lärm langsam hören. Das Stadtviertel wird durch eine Hauptstraße durchtrennt, die in die eine Richtung aus der Stadt herausführt, in der anderen Richtung an einem großen Platz endet, der das Zentrum des nördlichen Stadtgebietes bildet. Heute ist Stadtfest, oder besser, Viertelsfest. Jedes Stadtviertel feiert seine eigenen Feste. Heute, an einem Sonntag, sind die örtlichen Ladengeschäfte geöffnet, es gibt Fressbuden, Kinderattraktionen und Bierzelte.
Das Warenangebot an den Verkaufsständen ist größtenteils Ramsch, Billigware aus Fernost, Turnschuhe, Handyhüllen, Plastikspielzeug. Es gibt Bratwurst, Döner, viel Fleisch, Ketchup und Süßkram. Die Attraktionen für Kinder blinken bunt und machen schrille Geräusche.
An einer Stelle spielt eine Liveband, die Leute sitzen in der Nähe auf Bierbänken und trinken oder laufen daran vorbei.
Die Straße ist nicht sehr lang, das Straßenfest sehr klein. Zum Ende hin werden die Buden und die Menschen weniger, dort stehen Dixietoiletten und ein Sanitätswagen.
Hier brummt aus großen Boxen Schlagermusik, viel zu laut. Hier sitzen ein paar Gestalten, kleine Kinder rennen umher, kreischen und halten Plastikspielzeug mit blinkenden LEDs in der Hand. Erwachsene sitzen mit Bierflaschen und Zigaretten in der Hand auf dem Bordstein oder direkt vor den Boxen auf dem Rand einer winzigen, leeren Bühne und unterhalten sich. Lachen schrill und wirken heiter, mit Tendenz zu angetrunken.
Von denen wohnt keiner in den Altbauten ein paar Straßen weiter. Diese Kinder gehen nicht in den katholischen Kindergarten, der so heimelig aussieht.
Sie sitzt zwischen den Boxen, die Musik dröhnt in ihren Ohren, noch lauter als das Kreischen ihrer besten Freundin neben ihr, die provokativ mit irgendwelchen Typen anbandelt. Ihre Kinder rennen irgendwo herum, sie hofft, dass sie beim Spielen keine Glasscherben in die Hände nehmen. Die kommen schon klar, wird schon nichts passieren, hofft sie. Sie kennt jedes Wort, was aus den Boxen kommt, kann jedes Lied mitsingen. Gute Laune hat sie nicht, sie starrt vor sich hin, zieht hin und wieder an ihrer Zigarette. Hier draußen kann sie wenigstens rauchen, in ihrer kleinen Wohnung versucht sie das zu lassen, weil da auch die Kinder schlafen. Ihre Freundin verhält sich ätzend, gestikuliert wild herum, lacht viel zu aufdringlich, die Leopardenleggins ist zu eng und total ausgewaschen. Sie denkt daran, dass es erst 16 Uhr ist, sie muss die Kinder irgendwie noch beschäftigt halten, damit sie müde werden, sonst schafft sie es nicht, sie alleine ins Bett zu bringen. Ihre Freundin wird bald abhauen, mit irgendeinem Typen mitgehen, dann muss sie sich auch noch um deren Kinder kümmern. Den Kinderwagen an der Straße entlang schieben, aufpassen, dass niemand auf die Straße rennt, hoffen, dass der Aufzug runter zur U-Bahn funktioniert, sonst muss sie den Kinderwagen die Treppen runtertragen. Meistens hilft ja doch keiner.
Sie müsste eigentlich fitter sein, sie fühlt sich aber müde. Als ob ein langes, anstrengendes Leben hinter ihr liegt, nicht so, als ob es gerade erst anfängt. Dabei hat sie ihre Kinder, das soll doch glücklich machen, oder? Mit dem Vater hat es nicht geklappt, vielleicht liegt es daran. Der war weg, jetzt ist sie alleine. Aber mit 22 wird sie bestimmt nochmal einen anderen finden, vielleicht ja einen, der ihre Kinder mag und mit dem sie über das Straßenfest spazieren kann. Dann muss sie nicht mehr mit ihrer Freundin hingehen, nicht mehr auf sie warten, nicht mehr ihre schrille Lache hören. Das wäre schön, vielleicht könnte sie dann auch mal Spaß haben und er würde ihre Kinder auf die Schultern nehmen und ihnen Zuckerwatte kaufen. Der Gedanke bleibt in ihrem Kopf, ein buntes Bild, was sie zum Lächeln bringt.

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