Konsens – Wo fängt er an, wo hört er auf?

Folgende Situation: ich bin mit meinem Mann, zwei meiner Stieftöchter plus der Freundin einer Stieftochter im alljährlichen Familienurlaub in Italien. Unser Urlaubsort ist ein Seglerparadies, die ortsansässige Segelschule ist Anlaufpunkt für segelbegeisterte, größtenteils mittelständische, oftmals Akademikerfamilien (irgendwie muss man sich das Segeln ja auch leisten können). Es gibt eine Abendveranstaltung, bei der die in der Woche absolvierten Segelkurse und die bestandenen Segelprüfungen gefeiert werden. Es gibt sehr leckeres Essen, viel Konversation und das ein oder andere Gläschen Wein, unterstützt von noch ein paar Gläschen Grappa oder Limoncello. Die Stimmung ist gut, es ist warm, es gibt Musik.

Ich gehe mit meiner jüngsten Stieftochter zu einem Tisch mit Getränken, sie holt sich noch eine Limo, ich einen Plastikbecher mit Weißweinschorle. Der Andrang auf die Limo scheint größer zu sein, also stelle ich mich ein paar Schritte weiter an den Rand, um auf das Töchterlein zu warten. Ich schaue nach rechts, als plötzlich, vielleicht ein bisschen zu nah, ein Mann links neben mir stehen bleibt und spricht: „Du siehst aus, also ob du auf jemanden wartest!“ Danach folgt eine kurze Pause, lange genug, damit ich mich (aus Überraschung) zu dem Menschen umdrehe, aber natürlich nicht lange genug, um Zeit für eine Antwort zu haben. Wäre ja auch blöd, wenn ich dann direkt etwas erwidern würde, damit würde ich natürlich seine Pointe versauen. Und da kommt sie auch schon: „Hier bin ich doch!“ Leicht angesäuseltes, schiefes Grinsen, vielleicht ein angedeutetes Augenzwinkern, eventuell aber auch nur eine Zuckung, wer weiß. Der Mann, ca. um die Mitte oder Ende Fünfzig, bunt kariertes Hemd, Sandalen, und ein Pflaster über einer demolierten linken Augenbraue, ist, glaube ich, sichtlich stolz auf seinen tollen Spruch. Scheint so, als hätte er den schon öfter ausprobiert, oder lange geübt. Ich, mal wieder nicht schlagfertig, erwidere, dass ich auf niemanden warte (was ich ja eigentlich doch tue, aber eben nicht auf IHN), halte nach meiner Stieftocher Ausschau und gehe mit ihr zu unseren Plätzen.
Dort angekommen erzähle ich erst einmal meiner Familie von meinem „Erlebnis“. Die Lacher sind vorprogrammiert, mich eingeschlossen, irgendwie ist es ja auch absurd. Wir sind uns alle einig, dass ich von nun an einfach deutlicher mit meinem Ehering am Finger rumwedeln muss, um eindeutigere Signale zu senden. Haha. Aber irgendwie wurmt es mich dann doch, und ein bisschen rege ich mich auch über den Typen auf. Und darüber, dass ich in Situationen, die Schlagfertigkeit verlangen, nicht schlagfertig bin. Oder nicht schlagfertig genug.
Mein Mann sagt dann, dass man es dem Typen ja nicht unbedingt übel nehmen könne, dass er mich überhaupt angesprochen hat, den ersten Schritt könne man ja unternehmen. Es wäre dann natürlich ein NoGo, wenn dann nach einer Abfuhr nicht abgelassen wird. Meine jüngste Stieftochter meint, ich solle es als Kompliment nehmen, dass ich überhaupt angesprochen werde (es war nicht so gemeint, wie sich das jetzt anhört, glaube ich :D).
Und neben uns sitzen meine zweite Stieftochter plus Freundin, beide 15, und hören aufmerksam zu. Und da merke ich, dass ich das nicht so stehen lassen will. Denn angenehm war dieses Aufeinandertreffen ja nicht. Der Mann ist mir, wie gesagt, schon ein bisschen zu sehr auf die Pelle gerückt, sprich, da wurde keine natürliche Distanz zwischen zwei fremden Personen mehr gewahrt. Er war offensichtlich angetrunken und ihm war offensichtlich auch bewusst, dass er mich mit seinem Annäherungsversuch überraschen würde, da ich in dem Moment, als er mich ansprach, in die entgegengesetzte Richtung schaute.
Meiner Meinung nach ist hier einfach eine wichtige Grundvoraussetzung nicht erfüllt, die die Situation irgendwie „OK“ machen würde. Mal ganz davon abgesehen, dass hinsichtlich der Wahl des Anmachspruchs definitiv noch viel Luft nach oben gewesen wäre, aber darauf muss ich ja hoffentlich nicht näher eingehen, und ungeachtet dessen dass ich nicht der Meinung bin, dass man automatisch auf jemanden wartet, nur weil man alleine ist, fehlt hier einfach was.
Das beiderseitige Einverständnis, oder zumindest eine Verständigung darüber, ob beiderseitiges Einverständnis vorhanden ist. 
So ganz generell, losgelöst von meiner Situation: will ich überhaupt von einer fremden Person angesprochen werden? Gibt die Situation das überhaupt her? Gab es vorher irgendeine Art von Blickkontakt oder den Versuch, Augenkontakt herzustellen? Signalisiere ich, dass ich angesprochen werden möchte oder zumindest offen dafür bin? Und kann man daraus schließen, wenn all diese Punkte nicht erfüllt sind, dass man eben jenes dann vielleicht im Augenblick nicht möchte?
Die Erwartung ist natürlich hoch, eigentlich sogar zu hoch. Ich würde mir aber trotzdem wünschen, dass zwischenmenschlich da irgendwie mehr passiert. Dass vor jedem, egal wie gearteten, Annäherungsversuch, sondiert wird, ob er angebracht ist. Und vor allem, wem man sich da annähert. Dieselbe Situation kann ja jedem passieren, und vor allem nicht nur erwachsenen Frauen, sondern auch jüngeren Mädchen, und dasselbe, wenn vielleicht auch seltener, Jungs oder Männern.
Ich wünsche mir, dass der-/ oder diejenige dann weiß, dass das nicht einfach so OK ist. Dass man die Wahl haben sollte, ob man angesprochen werden möchte oder nicht. Dass es eine Distanz zwischen einem selbst und einer fremden Person geben muss, und wann diese unterschritten wird. Dass es ok ist, auch mal seine Ruhe haben zu wollen, und dass es nicht ok ist, dass man das Gefühl vermittelt bekommt, man solle das jetzt auch noch lustig finden oder, noch besser, das als Kompliment verstehen. Ist es nämlich nicht.
Wie denn auch?

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